Unlearning Lab: Big & Growing Festival in Leipzig

What do juTHINK?

Ausgabe 1_2026

„Das haben wir schon immer so gemacht.“

Ein Satz, der harmlos klingt und trotzdem unglaublich viel auslöst. Denn oft steckt dahinter nicht Stabilität, sondern Autopilot, also Routinen und Denkweisen, die irgendwann sinnvoll waren, uns heute aber bremsen. In einer sich ständig verändernden Arbeitswelt reicht es nicht aus, nur Neues anzueignen. Wir müssen auch lernen, Altes loszulassen.

Willkommen beim Thema Unlearning. Genau damit haben wir uns heute in unserer Session des Unlearning Labs beim Big & Growing Festival in Leipzig beschäftigt. Für alle, die nicht dabei sein konnten, ist dieser Blogbeitrag ein kleiner Wissensinput zu der Thematik.


Die Relevanz von Unlearning

Viele Organisationen investieren in neue Tools, Strategien oder auch Weiterbildung. Und trotzdem passiert in der Praxis oft wenig. Warum? Weil wir Neues häufig auf alte Muster draufpacken, statt Bestehendes bewusst zu hinterfragen oder zu ersetzen. Unlearning bedeutet nicht, Wissen zu löschen. Es bedeutet, überholte Gewohnheiten zu erkennen und aktiv zu unterbrechen, damit Raum für Veränderung entsteht.

Gerade im Arbeitskontext ist das entscheidend, denn die wandelnden Rahmenbedingungen können dazu führen, dass etwas, das gestern noch funktioniert hat, heute für Zusammenarbeit, Tempo, Motivation und Ergebnisse ineffizient oder sogar schädlich sein kann.


Weshalb ist Unlearning schwer?

Während wir den Eindruck haben, jeden Tag viele Dinge bewusst zu entscheiden, trifft unser Gehirn 90 bis 95 % der Entscheidungen ohne unser bewusstes Zutun. Unser Gehirn liebt Gewohnheiten aus gutem Grund, denn sie sparen Energie. Bewusst Entscheidungen zu treffen kostet viel Kraft und davon haben wir im Alltag nur begrenzt. Damit wir nicht jeden Tag neu überlegen müssen, wie wir Dinge tun, automatisiert unser Gehirn alles, was sich wiederholt. Genau so entstehen Routinen.

Neurologisch kann man sich das wie einen Waldweg vs. Autobahn vorstellen. Neue Verhaltensweisen sind wie ein Trampelpfad im Wald mühsam, langsam, ungewohnt. Alte Gewohnheiten sind hingegen eine Autobahn schnell, vertraut, also „läuft von selbst“. Und genau deshalb greifen wir besonders in stressigen Zeiten auf bekannte Muster zurück, selbst dann, wenn sie uns eigentlich nicht helfen.

Unlearning beginnt also nicht mit Disziplin, sondern mit Bewusstsein.


Unlearning in Organisationen

Wenn Organisationen innovativer, anpassungsfähiger und zukunftsfähiger werden wollen, reicht es nicht, neue Methoden einzuführen. Sie müssen auch den Mut haben, alte Logiken zu hinterfragen. Kultur zeigt sich im Alltag in Zusammenarbeit, Führung, Entscheidungslogiken, Prozessen und Kommunikation. Häufig existieren explizite Regeln oder implizite Annahmen, die seit Jahren gelten, obwohl sich Umfeld, Tools und Anforderungen längst verändert haben.

So entstehen „mentale Fossilien“, die unbemerkt Entscheidungen und Verhalten steuern. Unter Zeitdruck zählt Umsetzung oft mehr als Reflexion und somit wird Hinterfragen im Tagesgeschäft häufig vernachlässigt.


Der Unlearning Cycle

In unserer Session haben wir mit dem Unlearning Cycle gearbeitet, der sich aus vier Schritten zusammensetzt:

1. Bewusstsein / Erkennen

  • Mitarbeitende reflektieren eigene Gewohnheiten und Denkweisen.

  • Organisationen unterstützen durch Reflexionsformate, Umfragen, Retrospektiven und offene Diskussionen.

  • Ergebnis: Klarheit darüber, was verlernt werden soll und warum.

2. Unterbrechen

  • Bewusste Stoppsignale für alte Routinen schaffen, z. B. Fokuszeiten, Benachrichtigungsregeln, Meeting-Pausen oder klare Entscheidungs- und Kommunikationsleitlinien.

  • Ergebnis: Raum für bewusste Entscheidungen wird ermöglicht.

3. Ersetzen

  • Alte Gewohnheiten gezielt durch neue, wirksamere Verhaltensweisen ersetzen, z. B. mit der 1-%-Regel, kleinen Experimenten oder alternativen Vorgehensweisen.

  • Ergebnis: Neue Arbeitsweisen werden konkret getestet und erlebbar.

4. Dranbleiben

  • Neue Verhaltensweisen festigen durch sichtbare Erfolge und das Feiern dieser, Feedback, gegenseitige Unterstützung und Vorbilder, insbesondere Führungskräfte.

  • Ergebnis: Veränderung wird Teil der Kultur.


Wie bereit ist eure Organisation für Unlearning?

Vielleicht habt ihr euch beim Lesen schon gefragt: Wie sieht das eigentlich bei uns aus? Wie bewusst gehen wir mit Routinen um? Und wie viel Raum gibt es wirklich für Reflexion, Unterbrechung und Neues?

Genau mit diesen Fragen haben wir auch im Unlearning Lab beim Big & Growing Festival gearbeitet. Dafür haben wir einen Unlearning-Readiness-Check entwickelt, mit dem Teams und Organisationen ihren aktuellen Reifegrad einschätzen können. 

Der Check hilft dabei,

  • blinde Flecken sichtbar zu machen,

  • konkrete Beispiele aus dem Arbeitsalltag zu sammeln,

  • Blocker zu identifizieren, die Unlearning aktuell erschweren

  • und erste Hebel für Veränderung abzuleiten.

Hier könnt ihr den Unlearning-Readiness-Check herunterladen.

Fazit: Unlearning heißt nicht, dass wir alles falsch gemacht haben.

Es heißt, dass wir wachsen. Und dass wir uns trauen, alte Muster zu hinterfragen, bevor sie uns unbemerkt steuern. Denn Zukunftsfähigkeit entsteht nicht nur durch neues Wissen, sondern in Organisationen, die bereit sind, sich kontinuierlich zu reflektieren und Raum für Veränderung schaffen.


Quellen:

  • Akgün A, Byrne J, Lynn G, et al. (2007) Organizational unlearning as changes in beliefs and routines in organizations. Journal of Organizational Change Management 20(6): 794–812.

  • Cegarra-Navarro, J. G., & Wensley, A. K. P. (2019). Promoting intentional unlearning through an unlearning cycle. Journal of Organizational Change Management, 32(1), 67–79. 

  • Evans, J. St. B. T., & Stanovich, K. E. (2013). Dual-process theories of higher cognition. Perspectives on Psychological Science, 8(3), 223–241.

  • Haggard, P. (2008). Human volition: Towards a neuroscience of will. Nature Reviews Neuroscience, 9, 934–946.

  • Hislop, D., Bosley, S., Coombs, C. R., & Holland, J. (2014). The process of individual unlearning: A neglected topic in an under-researched field. Management Learning, 45(5), 540–560. 

  • Johnson, D. N. (2023). The unlearning curve: How to break free and unlock your potential. Independently published.

  • Kahneman, D. (2011). Thinking, fast and slow. New York: Farrar, Straus and Giroux.

  • Libet, B. (1985). Unconscious cerebral initiative and the role of conscious will in voluntary action. Behavioral and Brain Sciences, 8(4), 529–566.

  • Soon, C. S., Brass, M., Heinze, H.-J., & Haynes, J.-D. (2008). Unconscious determinants of free decisions in the human brain. Nature Neuroscience, 11(5), 543–545.


Zum Format juTHINK

juTHINK ist unsere Antwort auf die sich ständig wandelnden Herausforderungen und Chancen im Bereich HR und Organisationsentwicklung. In jeder Ausgabe von juTHINK wählen wir ein Thema aus, das aktuell und relevant für HR-Professionals und Führungskräfte ist. Unser Fokus liegt dabei auf einer Mischung aus Leichtigkeit und Informationsgehalt – wir bringen Ihnen die neuesten Trends und Entwicklungen näher. Ob es um neue Ansätze in der Mitarbeitendenführung, um die Gestaltung flexibler Arbeitsmodelle oder um die Einführung digitaler Tools geht – juTHINK ist Ihre Quelle für frische Ideen und praktische Lösungen, die Ihnen helfen, in der neuen Arbeitswelt auf dem Laufenden zu bleiben.

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